Für den Lehrer ist immer der Vater die Ansprechperson, . . .

 

Botschafterin Samira und Botschafter Ramin erzählten über Schule in Afghanistan und diskutierten darüber mit  Teilnehmer_innen der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich.

 

 

„In der Grundschule kommen auf eine_n Lehrer_in durchschnittlich 44 Schüler_innen, in den meisten Regionen des Landes sitzen Burschen und Mädchen während der Grundschule gemeinsam in der Klasse, werden jedoch ab der Sekundarstufe aufgeteilt.“

An Disziplinarmaßnahmen sind noch immer Schläge auf die Hände oder die Fußsohlen, und zwar vor der ganzen Klasse, üblich „damit alle über den Schüler lachen konnten. Bei uns gab es auch kein Mitteilungsheft, wir mussten Nachrichten an die Eltern entweder selbst aufschreiben oder mündlich ausrichten.“ In manchen Fällen, wenn man z.B. die Hausübung oft nicht gebracht hat oder viel unentschuldigt gefehlt hat, hat der Lehrer dann den Vater in die Schule bestellt.

„Für den Lehrer ist immer der Vater die Ansprechperson, weil Gespräche zwischen Männern und Frauen in diesem Kontext in Afghanistan eher unüblich waren und es mehr Lehrer als Lehrerinnen gab.“

Von den rund 14.500 Schulen in Afghanistan haben knapp die Hälfte keine verwendbaren Gebäude. Zudem mangelt es an Einrichtungen wie Trinkwasserversorgung und Toiletten. 80 Prozent der Schulen mangelt es an Elektrizität.

Die sich verschlechternde Sicherheitslage ist einer der Gründe für eine im Jahr 2018 festgestellte Zunahme der nicht zur Schule gehenden Kinder. Die Anschläge auf Schulen haben sich zwischen Frühling 2018 und Frühling 2019 innerhalb von nur einem Jahr verdreifacht. So haben 718 Schulen angegeben, dass sie aufgrund der schlechten Sicherheitslage im Jahr 2018 schließen mussten, wodurch 325.599 Schüler_innen nicht zur Schule gehen konnten.

Gewalttätige Angriffe auf Schulkinder, insbesondere Mädchen, behindern den Zugang zur Bildung, insbesondere in den von den Taliban kontrollierten Gebieten. Die Taliban und andere Extremisten bedrohten und attackierten im Jahr 2019 Schulbeamte, Lehrer_innen und Schüler, insbesondere Mädchen, und brannten sowohl Buben- als auch Mädchenschulen nieder. Es gab Berichte, dass aufständische Gruppen, aber auch Regierungskräfte Schulgebäude für militärische Zwecke genutzt hätten. Die Ausweitung der von den Taliban kontrollierten Gebiete in ländlichen Regionen führt dazu, dass immer mehr öffentliche Schulen der Regierungskontrolle entzogen werden. Die Taliban betreiben parallel zum offiziellen Bildungsministerium eine Bildungskommission. Ihre Vorgehensweise in Bezug auf das Thema Schulen ist in den verschiedenen Gebieten unterschiedlich, Berichten zufolge erlaubten einige unter Taliban-Kontrolle stehende Schulen den Lehrern, den Unterricht fortzusetzen, verboten jedoch bestimmte Fächer und ersetzten sie durch islamische Studien.

Das staatliche Bildungswesen in Afghanistan ist zentral organisiert. Es gibt insge­samt 14.888 allgemeinbildende Schulen (darunter 6.211 sechsjährige Grundschulen, 3.856 Untere Sekundarschulen und 4.821 Obere Sekundarschulen) sowie 162 Be­rufsschulen und 1.068 islamische Schulen.  Nach Angaben des Bildungsministeriums sind über neun Millionen Kinder und Jugendliche in Schulen eingeschrieben. Etwa 39 Prozent davon sind Mädchen.  Immer noch gehen etwa 40 Prozent der Kinder (50 Prozent der Mädchen) im schulfähigen Alter nicht oder nicht regelmäßig in die Schule. Die Schulpflicht beginnt im Alter von sechs Jahren und dauert insgesamt neun Jahre. Mit Stand Juni 2018 gehen 3,7 Millionen afghanische Kinder zwischen sieben und 17 Jahren nicht in die Schule, eine Folge der instabilen Sicherheitslage, der großen Armut und der Diskriminierung von Mädchen. Wäh­rend der Duer des Krieges wurden 70 bis 80% der Schulen zerstört, über 40% der Schulen verfügen noch immer über kein eigenes Gebäude, es besteht ein großer Lehrer_innenmangel. Die Alphabetisierungsrate liegt insgesamt bei 43 Prozent. Nur rund 56 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen im Alter von 15 Jahren und darüber sind schreib- und lesekundig.

Im öffentlichen Bildungswesen gibt es die Bereiche Allgemeinbildung, islamische Bildung, Berufsbildung und Hochschulbildung. Seit 2002 wurden im Zuge von Wiederaufbaumaßnahmen viele Schulen neu eröffnet und Schulgebäude repariert. Die Qualität der angebotenen Bildung variiert erheblich. Ei­nerseits sind in den Städten Afghanistans, vor allem in Kabul, eine Reihe guter Pri­vatschulen entstanden, die oftmals von internationaler Hilfe profitieren. Staatliche Schulen leiden hingegen unter Überbelegung und mangelhafter Qualität des Lehrange­bots. Die Zahl der Lehrer_innen beträgt ungefähr 183.000 (etwa 35 Prozent weibli­che Lehrkräfte), jedoch erreichen nur rund 43 Prozent dieser Lehrer_innen die mini­male Qualifikation zum Unterrichten.

Die sechsjährige Grundschule ist für die Altersgruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen gedacht. Im afghanischen Schulsystem wird nicht nach Schulformen wie Haupt­schule, Realschule oder Gymnasium unterschieden. Es handelt sich vielmehr um allgemeinbildenden Unterricht mit aufsteigendem Schwierigkeitsgrad. In den ersten drei Jahren werden Kunst, Religion, Kalligrafie, Mathematik und Physik und, je nach Region, Dari oder Paschtu unterrichtet, andere Gegenstände wie Naturwissenschaf­ten, Geografie und Geschichte kommen später hinzu. Dieser Ablauf ist im ganzen Land einheitlich, allerdings können die Lehrkräfte Unterrichtsinhalte an die örtlichen Gegebenheiten der Region anpassen. Das Unterrichtscurriculum der dreijährigen Unteren Sekundar­schule (siebte bis neunte Schulstufe) beinhaltet Gegenstände wie Mathematik, Na­turwissenschaften, Biologie, Physik, Chemie und Fremdsprachen (Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch). Die Untere Sekundarstufe schließt mit einer Prüfung ab, die Zugang zu höheren (allgemeinbildenden oder berufsbildenden) Sekundarschulen ermöglicht. Die Allgemeinbildung kann nach Abschluss der Unteren Sekundarstufe, d.h. nach Erfüllung der Schulpflicht, an einer dreijährigen Oberen Sekundarschule (zehnte bis zwölfte Schulstufe) fortgesetzt wer­den. Hier können Schüler_innen zwischen theoretischen Fächern wie Geschichte, Mathematik und Islamstudien und stärker berufsorientierten Gegenständen wie Landwirtschaft, Erziehung, Kunst, Kultur oder Wirtschaftskunde wählen. Ein erfolgreicher Abschluss der allgemeinbildenden Sekundarschule ermög­licht den Zugang zu afghanischen Universitäten, wobei über die Zulassung zu staatli­chen Universitäten eine nach Ende der Schulzeit abzulegende landesweite Zulassungsprüfung (Kankor) entscheidet. Die Islamische Bildung erfolgt in Dar-ul-Huffaz (Schulstufen 1-12), Madrasas (Schulstufen 10-14) und Dar-ul-Uloom (Schulstufen 13-14). In den Dar-ul-Huffaz liegt der Schwerpunkt auf dem Koranstu­dium, d.h. dem Auswendiglernen und Rezitieren des Korans. Absolvent_innen dieser Schulen erhalten ein Zeugnis der islamischen Bildung.

An den weiterführenden Dar-ul-Uloom, die nur in den Provinzhauptstädten existieren, erfolgt eine Unterweisung in Islamstudien. Nach Abschluss dieser Schule wird ein Zeugnis der höheren islamischen Bildung verliehen.

Außerdem können Afghan_innen nach Abschluss einer (allgemeinbildenden) Unte­ren Sekundarschule, d.h. nach Ende der Schulpflicht, eine fünfjährige Islamschule (Madrasa) besuchen (Schulstufen 10-14), an deren Ende ein MadrasaZeugnis der islamischen Bildung verliehen wird.

Die formale Berufsbildung findet an staatlichen sowie an beim Bildungsministerium akkreditierten privaten Berufsschulen statt. Eine technisch orientierte Berufsausbil­dung kann entweder nach Abschluss der neunten (Untere Sekundarschule) oder der zwölften Schulstufe (Obere Sekundarschule) begonnen werden. SchülerInnen, die ab Ende der Schulpflicht eine Berufsausbildung beginnen, können zwischen einem kürzeren dreijährigen Sekundar-Berufsbildungsprogramm und einem längeren Programm mit einer zusätzlichen Dauer von zwei Jahren (insge­samt fünf Jahre bis zur 14. Schulstufe) wählen (Berufsschule). Nach Abschluss der dreijährigen Berufsausbildung wird ein Zeugnis der Berufsbildung verliehen. Die Be­rufsschule (14. Schulstufe) endet mit einem Berufsausbildungszertifikat.

Die staatliche Berufsausbildung ist als Vollzeitausbildung organisiert. Bestehende Standards sehen einen Praxisanteil von mindestens 60 Prozent vor. Diese Regelung wird jedoch häufig nicht eingehalten, da die Berufsschulen schlecht ausgestattet sind und viele Berufsschullehrer über keine Fachpraxis verfügen. Der Ausbildungs-Schwerpunkt liegt auf Berufen wie Mechaniker, Friseur, Schneider, Zimmermann, Installateur, metallverarbeitenden sowie kaufmännischen Berufen.

Nur das Bildungsministerium ist befugt, staatlich anerkannte Zeugnisse der Berufs­bildung auszustellen. Die Mindestausbildung für Lehrkräfte ist der Abschluss der 14. Schulstufe. Nur 43 Prozent der LehrerInnen erfüllen diese Voraussetzung.

In Afghanistan gibt es 160 Universitäten und Hochschuleinrichtungen (38 staatliche und 122 private). Studieren an staatlichen Universitäten ist in Afghanistan grundsätzlich gebührenfrei, auch Unterbringung und die Verpflegung sind dabei miteingeschlossen. Dies führt zu hohen Zahlen an Bewerber_innen und dazu, dass ausgelastete Universitäten auf­grund von Kapazitätsengpässen Bewerber ablehnen müssen.

In weniger sicheren Regionen wie etwa im Süden Afghanistans wird Bildung häufig gemeinschaftlich organisiert. Diese Art des Unterrichts erfolgt oftmals durch Imame in Moscheen, und es werden in erster Linie religiöse Inhalte vermittelt.

Weiters führt das afghanische Ministerium für Arbeit, Soziales, Kriegsversehrte und Menschen mit Behinderung kurze Alphabetisierungs- und Berufskurse durch, die in der Regel drei Monate dauern und an deren Ende ein Zertifikat ausgestellt wird. Darüber hinaus bilden Handwerksbetriebe auf traditionelle Weise aus. Diese Art der Ausbildung ist nicht reglementiert.