Unseren Hass bekommt ihr nicht!

Am 2. November wurden bei einem terroristischen Amoklauf in Wien vier Personen getötet und 23 weitere teils schwer verletzt. Bereits einen Tag darauf haben wir für Pädagoginnen und Pädagogen zum Thema „Unseren Hass bekommt ihr nicht. Wie sprechen wir mit Kindern und Jugendlichen über den Terror?“ spontan einen Online-crosstalk mit der international renommierten Kinder- und Jugendpsychologin Sandra Velasquez organisiert.

Ziel war es, Ansatzpunkte und Lösungen für Lehrer_innen anzubieten, um mit Kindern und Jugendlichen über den Terror sprechen zu können.

Markus Priller zu Beginn: „Wir begrüßen heute zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer, von denen einige mit Terror und Gewalt auch schon in ihren Heimatländern Erfahrungen machen mussten.“ Und Sandra, die in Nicaragua aufgewachsen ist und in Mexiko studiert hat: „Ich habe nie geglaubt, dass so etwas in Wien, einer kultivierten Stadt mit so großer Lebensqualität, überhaupt passieren kann.“

Tatsache ist: Die dramatischen Ereignisse sind nicht nur für Kinder schwer zu verstehen, sondern auch für uns als Erwachsene. „Kinder brauchen keine ultimativen Erklärungen und tiefes Verständnis für die Ursachen belastender Ereignisse. Kindern geht es um die Frage, ob sie selbst in Sicherheit sind“, so Sandra.

Naturgemäß fällt es den meisten Lehrer_innen schwer, mit ihren Schüler_innen über terroristische Anschläge, Hass und Gewalt zu sprechen, da sie ja auch selbst Angst vor der Eskalation und den Diskussionen mit Schüler_innen haben. Sandra Velasquez half dabei, Anstöße zu geben um auf Fragen wie „Warum passiert so etwas auf der Welt?“ und „Kann mir selbst oder meiner Familie etwas passieren?“ angemessen zu reagieren. „Vorurteile hindern uns daran, uns mit den wirklichen Wurzeln unserer Gefühle auseinanderzusetzen.“

Dieser crosstalk hat gezeigt, wie man mit Traumata umgehen kann und dass wir Pädagoginnen und Pädagogen in schwierigen Zeiten unterstützen können.

„Erwachsene verfügen über zahlreiche umfassende und aktuelle Informationen, während für Kinder nach Terroranschlagen viele Fragen unbeantwortet bleiben müssen.“ Kinder hinterfragen die Sinnhaftigkeit der Welt und machen sich gleichzeitig Sorgen darüber, ob ihnen selbst oder ihrer Familie etwas passieren kann. Wichtige Werkzeuge beim Umgang mit diesem aktuellen Thema sind die ehrliche und offene Beantwortung von Fragen der Kinder, das Aufrechterhalten von Alltagsroutinen, Ablenkung, Spiel und Bewegung, Möglichkeiten, ihre Gefühle auszudrücken.

Sandras „Goldene Maxime“: „Wenn wir Gefühle haben, sollen diese Gefühle Platz bekommen!“

Was in kritischen Situationen hilft: der Kontakt zu Gleichaltrigen, die Beobachtung des Medienkonsums, das Erzählen positiver Geschichten, vermehrte  Zuwendung und die Stärkung der Klassengemeinschaft. Besonders bei Jugendlichen ist es wichtig, auch die politische Dimension von Anschlägen zu besprechen, um das Ereignis besser einordnen zu können. Ist ein Kind direkt in Terrorismus involviert, müssen Reaktionen und Verhalten langfristig beobachtet werden. Häufige Reaktionen und Stressymptome von Kindern sind: Angst, Wut, Rachephantasien und Schuldgefühle. Dabei „kann man Kindern gegenüber ohne weiteres zugeben, dass man selbst Ängste hat.“ Und diese Ängste „artikulieren, traumatische Erlebnisse regulieren und durch Musik, Zuwendung oder Atemübungen – Atmung spielt eine wesentliche Rolle! – verarbeiten.

Sandra beantwortet die Fragen der Teilnehmer_innen eingehend und mit großer Fachkompetenz. So schlägt sie auf die Frage, „Was kann ich Kindern anbieten, die mit der Situation gar nicht gut zurecht kommen? Also zum Beispiel, wenn ich das Thema anspreche und kindgerecht aufbereite, das Kind aber gar nichts davon hören möchte?“ vor, „Wenn Kinder sich aktiv gegen etwas wehren, bedeutet das, dass sie etwas von der Sachlage mitbekommen haben. Allerdings regulieren Kinder einander in der Gruppe.“

Und tröstliches Fazit dieses unglaublich informativen und aktuellen Online-Talks: „Empfindungen sind nicht das Problem, sondern was wir mit den Empfindungen machen!“

Die zahlreichen Teilnehmer_innen danken für´s Mut machen und die vielen, sehr wertvollen Praxistipps für die Arbeit in der Klasse.